Lob der Faulheit

von 22. Dezember 2014Blog

Zu Weihnachten

Oscar Wilde sagte einmal so schön: „Nichtstun ist die allerschwierigste Beschäfti-gung und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt.“ Wieso eigentlich?. Aktiv sein heißt doch, Entscheidungen zu treffen, Pläne zu machen, sich zu bewegen, Energie aufzuwenden. Und einfach nur Nichts tun? Geht das überhaupt? Wahrscheinlich nicht. Ganz abgesehen von der Binsenweisheit, dass Nicht weder gedacht noch getan werden kann, ist Nichts-Tun eher eine Verwechslung. Gemeint ist wohl eher: keine Kontrolle über das Geschehen ausüben, den eigenen Einfluss auf die Welt aufgeben. Und das ist ja nun wirklich schwer.

Einfach nur zulassen, dass das, was geschieht, geschieht. Nicht steuern, auch wenn es den eigenen Interessen zuwiderläuft. Los-lassen, zu-lassen. Und dabei noch gelassen bleiben? Kaum möglich, oder? In unserer Leistungsgesellschaft müssen wir einfach wirksam werden. Das bedeutet Arbeit, physikalisch ausgedrückt: Kraft mal Weg, oder einfacher: Energie und Bewegung. Wir haben Ziele, die wir erreichen müssen, Aufgaben die erledigt werden müssen. Erfolg ohne Aktivität ist ja wohl kaum vorstellbar. Und je erfolgreicher wir sein wollen, desto mehr Energie ist notwendig.

Dummerweise gerät dann oft aus dem Blick, was Erfolg – unser Erfolg ist. Auch wenn wir mit großen Idealen und starken Werten in unser Berufsleben gestartet sind, kann es passieren, dass uns unsere Lebensziele irgendwann aus dem Blick geraten. Klar, sie sind immer noch irgendwo da, und um die Zwischenziele zu erreichen, müssen wir halt manche Kröte schlucken. Auf dem Weg zur Führungskraft müssen wir gelegentlich die eigene Meinung unterdrücken; um eine gesicherte Rente zu haben, erledigen wir Dinge, die uns eigentlich anöden. Hauptsache, am Ende steht das ersehnte Ziel.

Allerdings verfolgt uns dabei eine große Gefahr: die Gewöhnung. Ich meine jetzt nicht die Gewöhnung an einen immer höheren Lebensstandard, der uns bequem und zufrieden werden lässt, auch nicht die Notwendigkeit, immer höhere Maßstäbe zu setzen, um zufrieden zu sein. Vielmehr geht es um die Gewöhnung an das Leisten selbst: Die Arbeit wird zum Selbstzweck.

Arbeit kann etwas sehr Schönes sein, dem Leben einen Sinn geben, der es wirklich lebenswert macht. Was aber passiert, wenn der Sinn der Arbeit ersetzt wird durch Gewohnheit? Dazu noch verbunden mit immer steigenden Leistungsanforderungen? Dann kommt oft der Moment, an dem das durch selbstbestimmte Arbeit erfüllte Leben kippt in Zwänge, die sich der eigenen Kontrolle entziehen.

Das Hinterhältige ist: man merkt es nicht. Jedenfalls nicht so leicht. Wer war beispielsweise nicht schon mal in der Schlange vor der Supermarktkasse genervt, dass da mal wieder jemand vergessen hatte, die Bananen zu wiegen? Das hat ja immerhin zwei Minuten Lebenszeit in Anspruch genommen. Aber im Ernst: Was hätten Sie denn mit den zwei Minuten getan? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sie irgendwo verschwendet hätten? War die Ungeduld wirklich von einer existentiellen Notwendigkeit ausgelöst oder mehr durch das diffuse Gefühl, keine Kontrolle über die Zustand zu haben, einem nicht steuerbaren Zustand ausgeliefert zu sein? War der Ärger jetzt selbst- oder fremdbestimmt? Oder: Habe ich jetzt einfach nur verwechselt, dass ich mich ärgere, statt der andere mich?

Beim Arbeiten könnte es möglicherweise ähnlich sein. Ist das, was wir tun, wirklich das, was wir tun wollen/müssen? Oder das, was wir glauben, tun zu wollen/müssen? Ist das, was ich da gerade tue, wirklich sinnvoll oder nicht? Und wie kann ich den Unterschied erkennen?

Die Antwort ist relativ schlicht: Durch – Nichtstun. Nichts Tun ist der Anfang aller sinnvollen Tätigkeit, der Beginn der Wirksamkeit. Ob man es jetzt Effizienz oder Effektivität buchstabiert, es geht um das, was wirksam und wesentlich ist. Erst durch Nichtstun erscheint der Unterschied zwischen dem, was man gewohnheitsmäßig tut und dem, was hilfreich ist.

Das hat zwei Gründe:
1. Die höchste Wirksamkeit hat, wer am wenigsten Kraft für ein Ergebnis auf-wendet. Das bedeutet nicht weniger als das Lob für Faulheit. Tatsächlich überlegt sich niemand mehr als der Faule, ob der Aufwand im Verhältnis zum Ergebnis steht, ob er also aktiv werden sollte. Erscheint es ihm nicht wirklich effizient, lässt er es sein. Anders herum: er tut nur das, was ihm unbedingt notwendig erscheint. Genau das ist übrigens auch die Grundidee des Kontinuierlichen Verbesserungsprozesses: Wie kann ich meinen Aufwand minimieren?

2. Wichtiger aber ist der zweite Grund. Arbeit wird meist verstanden als bewusstes, rational kontrolliertes Verhalten. Dass es mit der der rationalen Beurteilung des eigenen Verhaltens nicht so einfach ist, kann man ja – wie gesehen – jederzeit im Supermarkt erfahren. Aber es gibt noch mehr.

Wir können uns praktisch alles bewusst machen. Nur nicht das eigene Denken und die eigenen Entscheidungen. Wir können uns auf den Kopf stellen, aber uns beim Denken und Ideenhaben zusehen, ist einfach nicht möglich. Aber immerhin können wir uns das Ergebnis bewusst machen – wenn es denn kommt. Und wir können sehr viel tun, damit es nicht kommt. Wir können versuchen, uns zu Ideen zu zwingen. Oder wir können uns der Hektik und den Zwängen des Alltags hingeben, uns nerven lassen, Aufgaben erledigen, die uns anöden oder Ziele verfolgen, die nicht die unseren sind, kurz: uns an den Trott gefühlter Effizienz und fremdbestimmten Erfolgs gewöhnen.

Wir können aber auch einfach NichtsTun. Löcher in die Zeit kucken. Es wirken las-sen. Ohne bestimmen zu müssen, was „es“ ist. Das zulassen, was in uns geschieht. Neugierig auf das zu sein, was uns wichtig ist. Darauf achten, was sich von selbst in uns meldet und ihm die Wichtigkeit zu geben, die es braucht. Anders wird es kaum gehen. Wir können eben nicht bewusst denken, wir können nur das Ergebnis unseres Denkprozesses zur Kenntnis nehmen. Dar aber braucht Ruhe, Freiheit. Dagegen sind Hektik und Gewohnheit Gift für Kreativität und Selbstbesinnung.

Indem wir uns die Chance geben, sich die uns nicht (mehr) bewussten Bedürfnissen von selbst formieren zu lassen, können wir viel leichter den Unterschied zwischen den fremden und den eigenen Zielen erkennen. Wir können eben nicht bestimmen, was uns selbst gut tut oder schadet, wir können es nur akzeptieren.

Das Geschehen der Welt nicht zu kontrollieren, sondern einfach geschehen zu las-sen, sie zur Kenntnis zu nehmen, ist die beste Schule für Selbstwahrnehmung und Selbststeuerung, so paradox es auch klingt. Indem wir Zuschauer der äußeren Welt sind, können wir auch uns selbst besser erkennen, erkennen, was uns wichtig ist und was nicht. Erst dann haben wir wirklich die Möglichkeit, unsere bewussten, rationalen Ziele mit unseren unbewussten Motiven zu verbinden, zu dem zu kommen, was für uns wirklich wesentlich ist.

Nebenher: dieses zweckfreie Dasein ist eine äußerst intensive Form des Er-Lebens. Vielleicht haben Sie Lust, es einmal auszuprobieren: reservieren Sie doch einfach mal am nächsten Samstag 15 Minuten dafür, einfach mal nur das zu tun, worauf Sie gerade in diesem Moment Lust haben. Danach ist dann aber Schluss!

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