Wie ist es denn jetzt wirklich? Diese Frage stellen wir uns regelmäßig, um zu erfahren, welcher Teil unserer Informationen wahr ist, was wir falsch verstanden haben und was vielleicht auch von anderen erfunden wurde. In der Bibel steht: „Das Wahre ist gottähnlich: es erscheint nicht unmittelbar, wir müssen es aus seinen Manifestationen erraten“ (Johannes 8:32).

Und so geht es uns immer wieder mit unseren eigenen Überzeugungen. In Zeiten von Fake News, Lügenpresse, Blogs, Social Media, Photoshop und Filterblasen wird deutlich, dass wir niemandem mehr glauben können. Wirklich? Blödsinn. Blödsinn ist auch, dass das Zitat von oben aus der Bibel kommt (sondern von Goethe). Das ist aber nicht das entscheidende. Wichtig ist, was wir aus den Informationen und Eindrücken machen und welchen Sinn wir ihnen geben. Und das war auch schon immer so.

Letztlich geht es um meinen „Lieblings-Ismus“: den Konstruktivismus. Wir erschließen uns die Welt mit unseren eigenen Sinnen, verleihen den Dingen mit Sprache Ausdruck und versehen sie mit Sinn, allein dadurch, dass wir ihnen unsere Aufmerksamkeit widmen. Welchen Sinn wir einer Sache oder einer Person geben, das hängt von uns und unserer Umwelt ab – zwei völlig unberechenbaren Faktoren. Manchmal fällt es uns dabei leichter, Unwahrheiten und Wahrheiten zu trennen, manchmal schwerer. Ein Test.

Eines von drei Zitaten ist richtig zugeordnet:

  1. „Ich denke, also bin ich.“ (Til Schweiger)
  2. „Wenn man ein 0:2 kassiert, dann ist ein 1:1 nicht mehr möglich.“ (Satz des Pythagoras)
  3. 2 x 3 macht 4 – Widdewiddewitt – und Drei macht Neune. Wir machen uns die Welt – Widdewidde – wie sie uns gefällt! (Pipi Langstrumpf)

Das war nicht schwer, ich weiß. Und Pipi Langstrumpf hatte trotz erheblicher mathematischer Fehlkalkulationen mit ihrer Aussage teilweise Recht: Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt – und das ist immer so.

Als ich kürzlich vor der Uni in Freiburg stand, fiel mir der riesige Schriftzug „Die Wahrheit wird Euch frei machen“ auf. Diesen Satz findet man tatsächlich, wenn man in Johannes 8:32 nach dem Goethe-Zitat von oben sucht. Es ist (natur-)wissenschaftliche Tradition, nach Wahrheit zu streben, den Verstand zu benutzen, vernünftig und rational zu sein. Seit René Descartes‘ Rationalismus ist es unser Ziel, endlich herauszufinden, was denn nun „wahr“ ist.

Ich glaube nicht, dass uns die Wahrheit frei machen wird. Stattdessen würde es uns freier machen, wenn wir uns vom Wunsch nach einer objektiven, von allen akzeptierten Weltsicht und einer absoluten Wahrheit verabschieden würden. An die Stelle der Frage „Wie ist es denn nun wirklich?“ kann die Frage rutschen „Wie ist es denn für Dich?“. Technisch formuliert geht es um einen engagierten Austausch von Wirklichkeitsbeschreibungen, auf deutsch gesagt geht es um ein empathisches, neugieriges Interesse an der Sichtweise des Anderen.

Wir müssen uns mit Herz, Hirn und Bauch darauf be-sinnen, dass jeder Mensch eine subjektive Wahrnehmung von Ereignissen hat und dabei seine persönliche Geschichte, seine Erwartungen, seine Sehstärke und sein Hörvermögen genauso eine Rolle spielen, wie seine Stimmung oder sein Interesse. Dass zwei Menschen eine Situation auf die gleiche Weise erleben, dieselben Gefühle empfinden und sich an identische Dinge erinnern ist nicht möglich. Der Nachteil ist, dass dies immer Missverständnissen führen wird. Der Vorteil ist, dass wir nun allen Grund dazu haben, in einen persönlichen Austausch mit unseren Mitmenschen zu gehen, ihrer Sichtweise auf Augenhöhe zu begegnen und mit gebotener Demut anzuerkennen, dass eines jeden Wirklichkeit wahr ist.

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