In den letzten Wochen habe ich viele Menschen auf dem Pilgerweg nach Rom getroffen und darüber nachgedacht, wie sie und auch wie ich die einzelnen Tage und die gesamte Tour angehen. Was motiviert uns frühmorgens aufzustehen, bei 35 Grad so viel zu schwitzen wie noch nie in unserem Leben, an Straßen entlang zu wandern, auf denen die vorbeirasenden Autos und LKWs einen scharfen Luftzug hinterlassen?

Da gab es welche, die waren 70 oder 80 Tage ununterbrochen unterwegs, ohne einen Tag Pause und waren am Ende nur noch froh, dass es vorbei war. Sie sahen wenig am Wegesrand, nicht die wilden Bienen und nicht die Früchte an den Bäumen. Sie gönnten sich einen Cappuccino am Morgen und waren dann bei über 30 Grad ohne Pause unterwegs, Hauptsache der Tag war schnell geschafft. Der Motivator war die Geschwindigkeit, schneller zu sein als die Wander-App, schneller als die anderen.

Bei manchen hatte ich den Eindruck, dass das Leiden und das sich Quälen Teil der Pilgermotivation war. Wenn etwas unter Leiden geschafft wurde, erweiterte es die Spiritualität. Es war egal, ob etwas wehtat, einfach immer weiter gehen. Wenn die Wandersleute sich unterhielten, dann am liebsten über dreckige Duschen, Moskitos oder schnarchende Zimmergenossen in den Unterkünften. Sogar das Logo des Pilgerweges Via Francigena zeigt einen historischen Pilger mit schwerem Gepäck und mit herunter gezogenen Mundwinkeln.

Das Wandern macht die Antreiber, die Motivatoren sichtbar, mit denen wir auch sonst im Leben unterwegs sind:

Sei schnell, streng Dich an, sei stark oder natürlich auch „genieße Dich und das Leben“.

Wenn wir so angestrengt und unter Druck wandern wie wir leben und arbeiten, wird eine solche Tour keine Veränderung, keine Erkenntnis bringen – etwas, nach dem wohl viele Pilger/innen suchen.

Aufgrund der extremen Belastung und der Tatsache, auf weniger Erwartungen des heimatlichen sozialen Umfeldes Rücksicht nehmen zu müssen, besteht jedoch auch die Chance eine Veränderung zu versuchen: die Strecken wo möglich zu kürzen, mehr Pausen oder Pausentage zu machen und auf das Erreichte voll Stolz und Freude zu blicken. Hier lässt sich vielleicht die Freiheit gewinnen, jeden Tag aufs Neue zu sagen: Was brauche ich? Was will ich? Und so die Chance zu nutzen, für das echte Leben daheim zu üben.

Und wenn wir diese Motivatoren ein wenig reflektieren und vielleicht einbremsen, dann entsteht, jenseits der Wandergeschäftigkeit, mehr Raum, um die schönen Erlebnisse ins Herz zu lassen: die freundlichen Menschen, die Abkürzungen zeigen, die wunderbaren Feigen, direkt vom Baum genascht oder die überwältigende Geschichte und Gegenwart Roms.

Es liegen nun noch zwei Monate vor uns, Zeit für Begegnungen, Erlebnisse und vielleicht auch für ein wenig locker lassen.

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