Bereits seit vielen Jahren haben wir davon geträumt: einmal auf den Spuren von Johann Gottfried Seume von zu Hause bis nach Syrakus auf Sizilien zu wandern. Vor fast drei Jahren haben wir mit der entsprechenden Planung begonnen. Fünf Monate haben wir uns hierfür reserviert und alle beruflichen und privaten Termine darum herum geplant. Wir haben die Menschen, in unserem privaten Umfeld, Menschen, mit denen wir arbeiten und die für uns arbeiten, über unser Vorhaben informiert.
Vor circa einem halben Jahr haben wir mit der konkreten Vorbereitung begonnen: Was wollen wir mitnehmen? Wie viel Komfort wollen wir uns gönnen?Was können wir tragen? Wer unterstützt uns auf der Strecke? Wer bringt uns neue Kleidung und neue Schuhe? Wer kümmert sich während unserer Abwesenheit um unser Haus und unser Büro? Welche Aufgaben müssen abgegeben und vorbesprochen werden? Wir haben uns ärztlich checken lassen und neue Einlagen für unsere Schuhe besorgt. An Ostern haben wir bei einer Wanderung das Material ausprobiert und noch das ein oder andere nachjustiert.

Und dann haben wir am 1. Juni unsere Haustür zugeschlossen, uns herzlich von unseren Nachbarinnen und Nachbarn verabschiedet und sind durch unser Dorf, durch vertraute Landschaften in einem 15 km entfernten Ort gelaufen, an dem wir zum ersten Mal übernachtet haben. Es war sehr anders als frühere Fernwanderungen, da alles wenig aufregend war, auch langweilige Abschnitte dabei waren und die ersten spektakulären Landschaften, die Alpen, noch weit entfernt lagen. Der Rucksack drückte und wurde in den ersten Tagen immer wieder nachgestellt, die Füße brauchten jeden Abend eine Massage und früher als erwartet stellten wir uns spaßeshalber die Frage: „Wessen Idee war das eigentlich?“

Und weil es tagsüber immer wieder sehr anstrengend, heiss, langwierig und auch schmerzhaft war, waren wir Abends sehr glücklich anzukommen und stets bereit uns etwas zu gönnen: viele große Radler, ein Süppchen, natürlich Nudeln und noch ein Weinchen, gerne eine Sauna oder auch ein Schwimmbad. Und wie sehr macht uns dies nach all den Anstrengungen Freude. Wir sind jeden Tag der Ansicht, dass wir es uns redlich verdient haben.

In den wenig touristischen Gegenden erregen wir mit unseren großen Rucksäcken Aufsehen. Wir werden nach unserem Ziel gefragt, als Pilger betrachtet und für verrückt gehalten. Unser „Pilgerstatus“ öffnet uns Vereinsschwimmbäder und viele Herzen. Viele Gespräche sind am Rande möglich und diese menschlichen Kontakte machen den Weg noch reizvoller und bereichernder.

Allmählich, nach zehn Tagen auf Wanderschaft, finden wir unseren Rhythmus, mit aufstehen, packen, Essens- und Übernachtungsmöglichkeit finden, wandern, waschen, essen, schlafen und das Ganze wieder von vorne. Ein einfacher und reduzierter Rhythmus, der viel Raum lässt, um die Gedanken kommen und gehen zu lassen.

Hier kommt der Gedanke, in wieweit dieses private Projekt mit beruflichen Projekten zu vergleichen ist: bei den nötigen Vorbereitungen, bei den Schmerzen, bei der nötigen Unterstützung, beim Krafttanken, hinsichtlich der grossen Bedeutung von menschlichen Kontakten und der Bereitschaft Risiken einzugehen. Wir wissen heute noch nicht, ob wir ankommen werden, unsere körperlichen und mentalen Kräfte reichen und die Rahmenbedingungen, die Wege, passen… und dennoch sind wir aufgeregt, neugierig und eben möglichst gut vorbereitet gestartet.

Ich denke immer wieder an Hermann Hesse: „ …und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben… drum Herz, nimm Abschied und gesunde.“

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